Vierhundert Jahre am selben Bach

erste Erwähnung 1624 · sieben Kapitel · einundvierzig Jahre Michelin-Stern · ein Eckbalken blieb

Die meisten Häuser erzählen ihre Geschichte, weil sie eine brauchen. Diese hier stand schon, als in Sasbachwalden vierundachtzig Bürger lebten – und sie hat alles überstanden: Hungerjahre, Versteigerungen, eine Inflation und ein Amt, das ein Café für überflüssig hielt.

Als die Talmühle zum ersten Mal in den Akten auftaucht, hat Sasbachwalden 84 Bürger. Vierhundert Jahre später steht sie immer noch am selben Bach.

Der Müller beschwert sich bei der Obrigkeit: Joseph Fallert lasse sich „ungescheut beygehen“, für Kunden zu mahlen und Brot zu backen. Der Vogt verbietet es streng. Zwei Jahre später ersteigert Fallert die Talmühle selbst – für 850 Gulden, im letzten Anbot. So beginnt die Geschichte einer Familie, die mit verbotenem Brot anfing und bei einem Michelin-Stern aufhörte.

Hungerjahre ruinieren die Mühle; zwei Versteigerungen finden keinen Käufer. Bei der dritten, am 24. Dezember 1850, hebt der jüngere Bruder die Hand. Die Talmühle bleibt in der Familie – und wird sie für die nächsten hundertsiebzig Jahre nur ein einziges Mal kurz verlassen: 1923, für 80 Millionen Inflations-Mark.

Die Fallerts wollen neben ihrer Bäckerei ein Café eröffnen. Das Bezirksamt lehnt ab: Das Bedürfnis „nach Kaffee und nichtalkoholischen Getränken“ sei im Ort „in hinreichendem Masse“ gedeckt. 1950 kommt die Erlaubnis doch – und aus dem überflüssigen Café wird eine der ersten Genuss-Adressen Badens.

Am Samstag, dem 3. Mai 1968, kocht Gutbert Fallert sein erstes Tagesmenü: gekochte Ochsenbrust mit Meerrettich. Im selben Jahr wird aus dem Café Fallert das Hotel „Talmühle“.

Michelin zeichnet die Küche aus – und dann jedes Jahr wieder, einundvierzig Mal in Folge, ohne eine einzige Unterbrechung. Kaum ein anderer Koch in Deutschland hat das geschafft. Gutbert Fallert sagte dazu nur: „Den Stern bekommt man nicht allein – man braucht eine gute Mannschaft dazu.“

Nach 71 Jahren schließt die Talmühle. Zum Abschied laden die Fallerts ehemalige Mitarbeiter und Weggefährten ein – große Reden gibt es keine. Gekauft wird das Haus von einem Mann, der Jahrzehnte hier zu Gast war: einem Mitgründer des Fallert Fan Clubs.

Aus der Talmühle wird das Maison Talmühle – mit neuen Gastgebern und einem neuen Kapitel, geschrieben mit Respekt vor den sieben davor. Am Eingang hängt ein Eckbalken der alten Mühle. Er war schon da, als alles anfing.